Mies van der Rohe - Möbel

"Die von Mies in den dreißer Jahren entwickelten Sitzmöbel sind auch heute noch Musterbeispiele für ein Höchstmaß ästhetischer und technischer Organisation. Die Sorgfalt, die Mies van der Rohe der Aufstellung der Möbel im Raum widmet, zeigt, daß sie nicht gestaltet sind, um irgendwie den Raum zu füllen, sindern um mit ihm eine Einheit zu bilden. Einen technischen Fortschritt zeigte der aus dünnwandigem Präzisionsrohr hergestellte hinterbeinlose Stuhl von 1927. Durch die ungewöhnliche Form federt der freischwebende Sitz und bewirkte eine wohltuende, spürbare Entspannung des Körpers.

Der "Barcelona Stuhl" von 1929 wächst in so leichtem Schwung aus dem Fußboden, daß er eigentlich gar nicht mehr "steht". Man sitzt in ihm anders; das Sitzen tauscht seine Schwere und Starrheit mit Leichtigkeit und Eleganz. Als Material für den "Barcelona Stuhl" und auch für den "Tugenthat Stuhl" verwendete Mies van der Rohe hochwertigen Federflachstahl, der, klar und sauber gefügt, das "skeleton" bildet. Die ausfüllenden Elemente " Lederkissen, "skins" - liegen frei im Rahmen.

Die strenge geistige Ordnung, der wir bei Mies’ Bauten gegenüberstehen, findet sich genauso in seinen Möbeln. Und was für ein Hochhaus gilt, gilt auch für einen Stuhl. Der Gestaltungsprozeß beider führt über die Technologie. Der Formwandel durch die Technologie zeigt sich bei den letzten Skizzen der Schalenstühle aus Kunststoff. Was wir brauchen, sind nicht "mehr" Möbel, sondern bessere."

Zitat: Werner Blaser aus "Mies van der Rohe" (S.55), erschienen im Birkhäuser Verlag, 1997