Heinrich Maria Davringhausen

H.M.Davringhausen gehört zu den wichtigsten deutschen Vertretern der sog. Malerei der Neuen Sachlichkeit - eine Kunstrichtung, die zwischen den beiden Weltkriegen in Europa und Amerika eine große Verbreitung erlangte. In einer kühlen, scheinbar objektivierten Bildsprache schildert er - vor allem in seinen sozialkritischen Werken direkt nach dem I. Weltkrieg " das ambivalente zeitgenössische Leben der 20er Jahre.
Nach frühzeitiger Emigration (1932/33), Beschlagnahmung und Verlust eines Teils seiner neusachlichen Werke in Deutschland  begann er ab den 30er Jahren in Spanien und anschließend in Südfrankreich mit seinem umfangreichen abstrakten Spätwerk.


Biographie

Geb. 1894 in Aachen als Sohn eines Schirmfabrikanten, Schulzeit in Aachen und Eupen; beim Spiel Verlust des linken Auges.
1913-14 Studium an der Düsseldorfer Akademie, 1915-17 im revolutionären Künstlerkreis in Berlin, ab 1918 in München, ab 1922 vielfach wechselnd in Berlin, Aachen, Toledo und Köln.
Mehrere frühe Ausstellungen in Avantgarde-Galerien: bei "Neue Kunst Hans Goltz" (München 1918-25) sowie bei Alfred Flechtheim in Berlin (1923).
Mitglied des "Jungen Rheinlands" (Düsseldorf) und der "Novembergruppe" (Berlin).
Ende 1932 emigriert HMD mit seiner jüdischen Frau nach Mallorca.
1936 Flucht aus Spanien über Ascona nach Frankreich, Internierung im berüchtigten Lager Les Milles, ab 1948 endgültiger Wohnsitz in Haut-de-Cagnes.
Gest. 1970 in Nizza.


Davringhausen war auf allen großen (zeitgenössischen wie retrospektiven) Ausstellungen zum "Rheinischen Expressionismus" wie zur "Neuen Sachlichkeit" vertreten.
Auf die ersten Einzelausstellungen nach dem Kriege u.a. in Paris (Galerie Les Deux Iles 1949, 1950) folgten später umfangreiche Retrospektiven in Cagnes 1971, Aachen 1972, Bonn 1977, Bergamo 1990 und Düren 1995.



Charakteristik

HM Davringhausen entwickelte schon um 1915/16 jene harte, verobjektivierte Bildsprache, die später für den Realismus in der Kunst der 20er Jahre charakteristisch werden sollte. Er widmet sich einer kritischen bildlichen Umsetzung der dinghaften Welt: Er sucht in provokativen Bildsujets, in Schilderungen psychischer Grenzzustände oder in einer ins Magische gesteigerten Alltäglichkeit die Phänomene der Zeit ins Bild zu setzen. Durch die Gegensätze von emotionsgeladener Thematik, Kühle des Raumes, statischer Ruhe der Figuren
und oftmals greller Farbigkeit wird das Spannungselement noch gesteigert.
Emigration und Ächtung durch die Nazis haben einen starken Bruch in seiner künstlerischen Biographie bewirkt, doch der umfangreiche Freundeskreis hat dazu beigetragen, daß Davringhausen nach dem Kriege in Frankreich eine zweite künstlerische Heimat finden konnte.


Bildbeispiel

Der Träumer II, 1919, Öl auf Leinwand, 119 x 121 cm, Landesmuseum Darmstadt

In einem kargen Interieur zeigt Davringhausen einen am Tisch sitzenden Mann mit aufgerissenen Augen. Umgeben ist er von Attributen, welche auf die brutale Realität der unmittelbaren Nachkriegszeit verweisen. Auf dem Tisch ein blutiges Rasiermesser, Alkoholflasche und brennende Zigarre. Links umgibt ihn die (reale) Schatten- oder Nachtseite: Lustmord, nächtliche Straßen, Gitterfenster und Golgatha-Gemälde, rechts die (erträumte) Sonnenseite des Lebens mit Zugvögeln im Licht, einer geöffneten Tür und einem Menschenpaar am Palmenstrand. In der harten, sachlichen und emotionslosen Schilderung und in der suggestiven, stark verjüngten Raumperspektive wird die Einsamkeit, Zerrissenheit und Ausweglosigkeit dieses Zeitgenossen noch gesteigert.