Neue Erkenntnisse zu Mies van der Rohes Frühwerk in Aachen

Schriftband am Haus Alexanderstr. 109, Aachen, „Haus Oeben“ (Foto: A.C. Oellers

Eine insbesondere für die lokale Architekturgeschichte wichtige Publikation ist gerade rechtzeitig zum Bauhaus-Jubiläum erschienen: Maike Scholz und Daniel Lohmann beschreiben in ihrem Essay „Zur Neuen Welt“ – Towards the New World. Ludwig Mies and his Architectural Youth in Aachen (Docomomo, 2017 Nr. 56, S.6ff.) Bekanntes und neu Erforschtes über die Jugendzeit von Mies van der Rohe in Aachen vor seiner in 1905 erfolgten Übersiedlung nach Berlin.

Seine erste Ausbildung erhielt Mies nach einer Maurerlehre im Stuckereibetrieb von Max Fischer, dann folgte eine Anstellung in den Architekturbüros von Josef Goebbels und Albert Schneiders. Schneiders, der für die Baukunst des Historismus der wohl wichtigste Repräsentant in Aachen war, beschäftigte neben Mies zeitweise weitere junge Assistenten aus Aachen wie Emil Fahrenkamp, Franz Dominick und Ferdinand Goebbels. Zu den neuen Erkenntnissen der Studie gehört es, daß Mies über die Mitarbeit am Kaufhaus Tietz hinaus 1904-05 auch an weiteren Schneiders-Aufträgen mitgearbeitet hatte, wie aus Briefen von F. Dominick an Mies von 1947 hervorgeht: Zum einen handelt es sich wahrscheinlich um das Haus in der Aachener Oppenhoffallee 163, erbaut von Ludwig Levy (Tuchfabrik Königsberger), zum anderen ist seine Tätigkeit für das Haus Oeben (Aachen Alexanderstraße 109) durch Schriftwechsel gesichert. Das heute noch fragmentarisch erhaltene Haus sollte Joseph Oeben, dem Schriftleiter der sozialdemokratischen „Rheinischen Zeitung“ als Gasthaus und Versammlungslokal dienen; der ursprüngliche, politisch konnotierte Fassadendekor (u.a. mit Figuren der Justitia und des Prometheus) ging bis auf das wohl von Mies eigenhändig entworfene und im Foto abgebildete Schriftband für das Lokal „Zur neuen Welt“ leider im 2. Weltkrieg verloren. Ob der elterliche Steinmetzbetrieb auch an den genannten Hausdekorationen beteiligt war, konnte bisher noch nicht durch entsprechende Recherchen belegt werden.

Weitere Hinweise gibt die Studie auf die frühen Verbindungen zwischen Mies und einigen Aachener Künstlerfreunden - Gerhard Severain, Peter Foerster sowie Goebbels und Dominick, die sich alle ab 1905-07 in Berlin in verschiedenen Büros zu einigen Projekten wieder zusammengefunden hatten.

Besonders interessant ist der Hinweis, daß Mies noch 1924 versucht hatte, für Rudolf Lochner und sein geplantes Hochhaus am Aachener Hauptbahnhof als Entwerfer tätig zu werden: Wahrscheinlich waren die von Mies zugesandten Glashochhäuser-Skizzen aber zu utopisch und sein Verzicht auf eine lokale Präsenz zu hinderlich, sodaß schließlich Fahrenkamp den Auftrag erhielt.

Bis auf den gemeinsamen Entwurf zu einem Bismarck-Denkmal (1910) erfährt man allerdings noch wenig über die enge Beziehung zu seinem Bruder Ewald, der als ein Steinfachmann für Ludwig unverzichtbar war und der selbst auch einmal ein Haus ganz im Stil der Landhäuser seines Bruders entworfen bzw. signiert hat (Haus Homburg, Raeren 1938).