Abb.26 Brief Mies van der Rohes an den Oberbürgermeister der Stadt Mannheim
Theaterprojekt Mies van der Rohe - Anschreiben

Im Februar 1953 wurden alle Wettbewerbsarbeiten in der Kunsthalle Mannheim ausgestellt. Die Arbeit von Mies van der Rohe beeindruckte durch das große detailgenaue Modell. Der Mannheimer Morgen berichtete in seiner Ausgabe vom 7. Februar folgendes: "Mies van der Rohe, früher Bauhaus Dessau und jetzt in Chicago, gibt dem Theaterbau die Gestalt einer riesigen Halle aus Stahl und Glas, die von sieben den Bunker umgreifenden Rahmenstützen getragen und gehalten wird. Ein Sockel aus Marmor belastet den Bunker kaum. Die Halle bedeckt den gesamten Platz, Binnenhöfe sind nicht vorgesehen. Der klar gegliederte und folgerichtig entwickelte, die Bühnenerfordernisse aber, abgesehen vom Schnürbodenaufsatz, kaum berücksichtigende Entwurf zeigt eine veredelte "Werkhalle" für die Produktion theatralischer Illusionen."

Im März 1953 tagte der Theaterausschuss des Gemeinderates und begutachtete die eingereichten Entwürfe. Professor Hans Schwippert von der TH Aachen und der Architekt und Baudirektor aus Freiburg, Horst Linde, berieten als auswärtige Fachgutachter den Bürgermeister und den Theaterausschuss. Nach Begutachtung der Arbeiten wurden die Entwürfe von Mies van der Rohe und Rudolf Schwarz für eine weitere Ausarbeitung favorisiert. Im Gutachten von Horst Linde heißt es: "Die weitgespannteste Fassung bot der Vorschlag von Professor Mies van der Rohe ... Im Räumlichen bietet der Vorschlag dem Menschen eine neue großartige Erlebniswelt. Dieses Theater wird verbindendes Forum der modernen Gesellschaft. ... Das Wesen und die Einmaligkeit dieses Entwurfs aber liegt in der Erfüllung eines höheren menschlichen Lebensgefühls durch bewusste Ausschöpfung aller räumlichen Möglichkeiten. Der Mensch bewegt sich und erlebt in diesen Räumen souverän." Professor Schwipperts Rede im Theaterausschuss, in der er sich für die großzügige und offene Raumlösung begeistert, schließt mit den Worten: "... Die großartige Arbeit von Mies ist mehr. Mies ist zu verwirklichen. Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, dass dieser Mann der größte lebende Baumeister deutscher Zunge ist, ein Baumeister von Weltgeltung." (4)

Der Theaterbauausschuss und die Gutachter sprachen sich am 12. Juni für eine zweite Wettbewerbsstufe aus ohne eine weitere Beteiligung von Mies, diesmal aber unter Einbeziehung des Frankfurter Architekten Gerhard Weber, der gar nicht an der ersten Stufe teilgenommen hatte.

Mies van der Rohe war an dem Theaterprojekt außerordentlich interessiert. Sechzehn Jahre nach seinem Weggang aus Berlin war er wieder nach Deutschland gekommen und wurde ehrenvoll empfangen. Die Kunstakademie in Düsseldorf ernannte ihn am 18. Juni zum Ehrenmitglied. Auf der Fahrt nach Freiburg zu seiner Tochter Marianne besuchte er den Oberbürgermeister von Mannheim, der ihn trotz des Votums der Jury um eine Überarbeitung seines Entwurfs bat. Mies sagte nach einer Bedenkzeit seine weitere Mitwirkung am Verfahren am 9. Oktober ab. Nachdem er wieder in Chicago eingetroffen war, schickte er am 11. Januar 1954 ein Schreiben (Abb. 27) folgenden Inhalts nach Mannheim: "Trotz meines weiteren Interesses fuer den Theaterneubau, kann ich mich nicht entschliessen mich erneut an den Wettbewerb zu beteiligen. Ich hoffe, dass Sie unter den neu einlaufenden Entwuerfen einen ihnen zusagenden finden. ..." (5)

Es ist interessant darüber zu spekulieren, was passiert wäre, wenn Mies den Auftrag zum Bau des Nationaltheaters bekommen hätte. Die Stadt Mannheim hätte gewiss ein Meisterwerk erhalten. In einem Vortrag Mies versus Scharoun (6) stellt Professor Jones von der Universität Sheffield, ein ausgewiesener Kenner der deutschen und europäischen Architekturentwicklung die Frage: "Hätte ein Erfolg in Mannheim ihn (Mies) nach Deutschland zurück geführt? Das hätte nicht nur weitere späte Meisterwerke dieses Genies in seinem Heimatland zur Folge gehabt, sondern vielleicht auch eine andere Art später Blütezeit. Vielleicht wäre er dazu angeregt worden, das aufgegebene Experiment von Barcelona (und des Glasraumes in Stuttgart " Anm.d.Verf.) weiter zu führen, anstatt sich auf die geordneteren und symetrischeren klassizistischen Typen zu konzentrieren. Wir werden es nie erfahren." "